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Die Herkunft des Whippets Von Ingrid Krah-Heiermann und Wilhelm Heiermann zurück "10 000 und 75 Jahre Hetzhunde/Windhunde" , so nannte der DWZRV das zum 75-jährigen Jubiläum heraus- gegebene Zuchtbuch. Dieser Titel sollte natürlich nicht nur auf das Alter des Verbandes hinweisen, sondern Beleg sein für die lange Geschichte der windhundartigen Caniden. Unstrittig gehört der Windhund zu den ältesten Erscheinungsformen des Hundegeschlechts und er ist eng mit der Kulturgeschichte des Menschen verbunden. Schon auf jungsteinzeitlichen Felsmalereien lassen sich den Jäger begleitende Hunde erkennen, die im Phänotyp deutlich an moderne Windhunde erinnern. Aus dem 15. Jhdt. v.Chr. stammt Abbildung 1, die in der Grabstätte des Wesirs Rechme-Re gefunden wurde. ![]() In dem Hund, den wir auf dem Bild sehen, begegnet uns doch unzweifelhaft ein Vorfahr des heutigen Sloughi aus dem Norden Afrikas. Nahezu allen Windhundrassen wird eine so weit zurück reichende Geschichte zugesprochen, obwohl natürlich klar sein muss, dass unsere modernen Rassehunde vornehmlich ein Produkt des 19. Jahrhunderts sind, in dem man in England und auf dem Kontinent begann, reinrassige Hunde (sogenannte pedigree-dogs )zu züchten, um neue Rassen zu schaffen bzw. bekannte Arten wieder zu beleben (z.B. Irish Wolfhound) oder zu verfeinern. Ein kurzer Blick in die vielfältige Literatur belegt, dass Windhundfachleute lange Traditionslinien sehen. So wird nicht selten die ägyptische Pharaonin Kleopatra als eine der ersten Windspiel-Züchterinnen bezeichnet, die angeblich einige ihrer Hunde dem Imperator Julius Caesar zum Geschenk machte, der diese dann mit nach Italien nahm. Die Existenz kleiner kurzhaariger Windhunde im alten Ägypten scheint jedenfalls ziemlich gesichert zu sein. Aus römischen Quellen wissen wir, dass mächtige (Wind)hunde aus Irland bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. in Rom für Furore sorgten. Auf die Insel kamen sie vermutlich in Folge der keltischen Landnahme um 2000 v. Chr. Der Greyhound, diese für die kurzhaarigen Windhunde eindeutig typbildende Spezies, wird ebenfalls als Nachkomme des keltischen Windhundes betrachtet. Schritt erwähnt ein Vasenbild modernen Greyhounds nahezu identisch ist. Hinsichtlich der Geschichte des Barsoi verweisen die rassegeschichtlich gut informierten Autoren auf die Fresken der Sophienkathedrale in Kiew, in denen Jagdszenen mit Windhunden dargestellt werden. Auch die Afghanischen Windhunde, deren systematische Zucht erst um 1925 begann, sollen von Hunden abstammen, die bereits auf ca .4000 Jahre alten Felszeichnungen, die im Nordwesten Afghanistans gefunden wurden, abgebildet sind. Als noch älter gelten die Salukis, deren Darstellung man auf den ältesten Zeugnissen der menschlichen Kultur findet, und die - im wesentlichen unverändert im Typ- "seit undenklichen Zeiten...für den Orientalen bei der Jagd unersetzlich" sind. Nur bei unserem geliebten Whippet soll alles, glaubt man der Auffassung vieler Experten -auch im DWZRV-, ganz anders sein. ![]() Whippet um 1900 ![]() Moderner Whippet Wir zitieren aus der im Internet vom DWZRV veröffentlichen Information über den Whippet: "Anders als alle anderen Windhundrassen (mit Ausnahme des Windspiels), die ihre Variationen überwiegend dem Einfluss der Lebens- und Umweltbedingungen verdanken, stellt der Whippet eine Zweckschöpfung jüngeren Datums (Hervorhebung der Verf.) dar. Der Whippet entstand als englische Züchtung des 19. Jahrhunderts und ging aus der Kreuzung vorhandener kleiner Greyhoundformen mit verschiedenen hoch- läufigen Terrierrassen und nicht zuletzt dem Windspiel hervor. Anfangs gezüchtet für die Jagd auf Kaninchen, später für sportliche Zwecke. Der Whippet ist mit seiner mittleren Größe (...) nicht einfach eine verkleinerte Greyhound- oder vergrößerte Windspielausgabe. In Bezug auf sein Wesen und seine Verhaltensweise gab ihm der Terriereinschlag den frischen Mut, den Schneid und das Temperament." Diese Ansicht findet man in vielen Windhundbüchern -auch aus der Feder von Whippetspezialisten- in unter-schiedlichen Variationen vertreten. Die Meinungen gehen bei diesen Autoren eigentlich nur hinsichtlich der verwendeten Terrierschläge, seien es nun Manchester-Terrier, Bedlington-Terrier oder andere Varietäten- auseinander. Als Begründer dieser "Mischlingsrasse" gelten nordenglische und walisische Bergleute, die diese jagdeifrigen Hunde zunächst als Helfer bei der Wilderei -ein Fleischgericht war in jenen Tagen absoluter Luxus für die Menschen der unteren sozialen Schichten- dann als "sporting-dogs" beim immer populärer werdenden "rag-racing" verwandten. ![]() Eine interessante Variante dieser Auffassung vertritt I. Schultze . Danach wurde die Mischrasse Whippet zum ersten mal im 17. Jahrhundert gezüchtet, und zwar von keinem geringeren als dem englischen König Karl I., der aus Frankreich importierte Windspiele mit heute nicht mehr bekanten Terrierrassen gekreuzt haben soll, um einem mittelgroßen, eleganten Hetzhund mit substanzvoller Erscheinung zu erhalten. ![]() In Folge der 1648 ausbrechenden Revolution sei dann dieser Zuchtversuch zu einem gewaltsamen Ende gekommen. Gleichsam mit ihrem Schöpfer, der auf dem Schafott starb, sei auch die neue Rasse verschwunden, bis sie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Norden Englands ihre Wiederauferstehung feiern konnte. Im folgenden soll nun untersucht werden, ob diese Position wirklich der Geschichte unserer Rasse gerecht werden kann. Zuerst zu den unabweislichen Fakten: Der "Whippet" wurde im Jahre 1890 vom Kennel-Club als eigenständige Rasse anerkannt, sechs Jahre später wurden in England zum ersten Mal Anwartschaften für das Championat vergeben. Die Gründung des ersten Whippet-Clubs erfolgte dann im Jahre 1899. Nun stellt sich die Frage, woher die Theorie zur Entstehungsgeschichte des Whippet eigentlich stammt. W.L. Renwick nennt die frühen Quellen: F. Freeman Lloyd, der schon als Whippet bezeichnete Hunde aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts kannte, hat diese Theorie in seinem Buch "The Whippet and Race Dog" (1894) als erster vertreten. Sie wurde dann, gleichsam als eine Art Dogma, von vielen Autoren übernommen (z.B. von B.S. Fitter. The Show Whippet. 1937), seit der Publikation von Renwick aber auch von renommierten englischen Experten vehement als schwaches Konstrukt zurückgewiesen. Sie formulieren eine ganz andere These, die -bei einigen Abweichungen im Detail- behauptet, dass der moderne Whippet im wesentlichen reines Greyhound- Blut in sich führe. Einige exemplarische Positionen seien hier zitiert: Der große alte Mann der englischen Whippet-Szene des frühen 20. Jahrhunderts W.L. Renwick schreibt: "Thus I am forced to the conclusion that (...) the Whippet, in my opinion, is a ‚bantamized' Greyhound or a Greyhound bred down in size. Bei C.H. Douglas-Todd, einem weltweit anerkannten Züchter und Richter in den 50er und 60er Jahren lesen wir: "To sum up this very interesting subject, which I am certain can be one of surmise only, it seems that a Whippet is a small dog of Greyhound type of great antiquity." Am besten wird diese Sichtweise unseres Erachtens von Mary Lowe zusammengefasst: "So, in the evolution of the whippet, we have the ‚little running dog' whose existence is proved by writers, painters and sculptors. His type carries on like a river into which flow side streams from English greyhound, Italian Greyhound and terriers of various sorts. But one is forced to the conclusion that whippets share the dominant genetic purity of greyhounds.(...) We believe that with selective breeding from the same genetic pool one could, in a few generations, produce an Italian greyhound and a greyhound from original whippet stock." Welche Position ist nun die richtige? Da wir (noch) keine "genetische Archäologie" betreiben können, sind wir auf vereinzelte archäologische Befunde, wenige Schriftquellen und zahlreiche Bildzeugnisse und deren Auswertung und sinnfällige Verknüpfung angewiesen. Hinzu kommen die Erfahrungen der Experten, die die Rasse in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts genau beobachtet haben, auf die wir zuerst eingehen möchten. Renwick und Douglas-Todd lehnen die Kreuzungstheorie u.a. deshalb ab, weil eine massive Zuführung von Terrier-Blut unweigerlich seinen Niederschlag in der Zucht gehabt hätte und immer wieder -vor allem in den ersten Jahrzehnten- zu sogenannten throw-backs, d.h. zu Welpen mit eindeutigem Terrier-Exterrieur hätte führen müssen. Beide, ausgewiesene Fachleute, bestätigen, dass sie unter den vielen Hunderten von Whippetwelpen, die sie selbst gezüchtet oder gesehen haben, nie solche Exemplare entdecken konnten. Dabei leugnen sie keinesfalls, dass es auch Einkreuzungen gegeben habe, würden aber die Resultate dieser Zucht mit M. Lowe eher als Lurcher denn als Whippets bezeichnen. Douglas-Todd untermauert seine Position auch mit dem Hinweis auf das älteste je in England gefundene Hundeskelett, das unter der Bezeichnung ‚Windmill Hill Dog' im Salisbury Museum ausgestellt ist und erhebliche Affinitäten zum Knochenbau des modernen Whippets aufweist. Nun ein Blick in die wenigen schriftlichen Zeugnisse. Tatsache ist, dass das Wort Whippet zum ersten Mal bereits im Jahre 1610 in der englischen Sprache auftaucht, wobei der Bedeutungsgehalt allerdings unklar bleibt. Nur wenig später finden wir allerdings eine literarische Quelle, aus der deutlich wird, dass es sich um einen kleinen Hund handelt: In shapes and forms of dogges; of which there are but two sorts that are usefull for man's profit, which two are the mastiffe and the little whippet, or house dogge; all the rest are for pleasure and recreation (JohnTaylor, the Water Poet,1630) Sehr interessant ist auch ein Blick in das erste englischsprachige Buch über die Jagd "The Master of the Games", welches im Jahre 1413 von Edward, Duke of York, geschrieben wurde. Hier lesen wir: "The good greyhound should be of middle size, neither too big nor too little, and then he is good for all beasts. If he were too big he is nought for small beasts, and if he were too little he were nought for the great beasts. Never- theless whoso can maintain both, it is good that he hath both of the great and of the small, and of the middle size" Kann man eigentlich klarer ausdrücken, dass es bereits im Mittelalter einen jagdlichen Bedarf nach mittelgroßen Hetzhunden gab. Wie könnte ein mittelgroßer Greyhound ausgesehen haben? Der große Meister Albrecht Dürer gibt uns die Antwort. ![]() Auch wenn sein Whippet nicht ganz dem modernen Schönheitsideal entspricht, so wird man ihn doch als Verteter seiner Rasse anerkennen müssen. Diese Darstellung bringt uns zu den bildlichen Darstellungen, die die wichtigsten Quellen für die Beantwortung der Frage nach der Herkunft des Whippet. darstellen. Ihre Zahl ist so groß, dass in diesem Artikel nur ganz wenige Beispiele vorgestellt werden können. Wie bereits erwähnt tauchen in der alt-ägyptischen Kunst immer wieder Darstellungen von Hunden auf, die eindeutig als Windhunde zu typisieren sind. Vereinzelt findet man, z.B. auf Vasenbildern auch Zeichnungen, die von Größe und Gestalt einen whippet-ähnlichen Caniden erkennen lassen. Auch von den Kelten wissen wir, dass sie mit dem Vertragus (Veltragus) bereits über einen windhund-artigen Begleiter verfügten, "der sich in der Erscheinungsform vom Whippet praktisch nicht unterschied." P.Gilmour, ebenfalls eine Gegnerin der der "Kreuzungstheorie", vertritt die Auffassung, dass in diesem keltischen Windhund die Vorfahren des heutigen Whippets zu finden sind. Aus der römischen Periode sind zahlreiche plastische Darstellungen von Windhunden, oft in Begleitung der Jagdgöttin Diana, überliefert. ![]() Die hier vorgestellte Skulptur, die in Pompeji gefunden wurde, haben wir ausgewählt, weil sie die These von der sehr frühen Existenz des Whippets besonders eindrucksvoll stützt. Die Hunde, die hier das Wildschwein angreifen, gehören eindeutig zum Typus der kurzhaarigen Windhunde; das weisen Anatomie, Kopf , Ohren und Rute aus. Vergleicht man die Größe von Jagdobjekt und Jägern, dann wird klar, dass es sich nicht um Greyhounds handelt, sondern um Hunde mit einer Schulterhöhe von etwa 45-50 cm. Hand aufs Herz: Könnte man diese Hunde nicht auch heute auf einer Whippet-Show zeigen, ohne sich zu blamieren? Ein weiteres macht diese Plastik deutlich: Es be- durfte keineswegs der Einkreuzung von Terriern, um diese mittelgroßen Windhunde mit dem Schneid und dem Kämpferherzen auszustatten, der heute noch unseren Whippet auszeichnet. Das nächste Bild, das das Grabmal der Marguerite de Bourbon zeigt, stammt aus der Kirche von Brou. ![]() Am Fuße der Verstorbenen ruht ein mittelgroßer, kurzhaariger Windhund, der gleichsam den ewigen Schlaf seiner Herrin bewacht. Diese Darstellung, die dem Anfang des 16. Jahrhunderts entstammt, belegt nicht nur - wie die Abbildung Dürers- das Vorhandensein dieses Windhundtyps in der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit, sondern zeigt auch die hohe Wertschätzung, die diese Hunde in den gesellschaftlichen Eliten besaßen. Von der Hand des englischen Bildhauers Richard J. Wyatt (1795-1850) stammt das Werk, mit dem wir unseren kunsthistorischen Streifzug beenden wollen. ![]() Es trägt den Titel "A Nymph taking a thorn out of a Greyhound Foot" und ist den City of Leeds Art Galleries zu bewundern. Wie Walsh und Lowe, die diese Plastik abbilden und kommentieren, richtig bemerken, würde kein Kenner den abgebildeten Hund als Greyhound oder Italienisches Windspiel identifizieren. Wenn auch der Künstler in seiner Darstellung deutlich antiken Traditionen verpflichtet ist und auf Vorbilder aus der römischen Epoche zurückgreifen kann und damit kein zeitgenössisches Motiv abbildet, so bleibt doch die von ihm gewählte Bezeichnung seiner Skulptur für unsere Frage interessant. Wenn er nämlich den dargestellten Hund als Greyhound bezeichnen konnte, ohne bei seinen Zeitgenossen auf Widerspruch zu stoßen, dann belegt dies doch eindeutig, dass es mehr als 50 Jahre vor der Aner- kennung des Whippet als Rasse auf der Insel Hunde gab, die einen mittelgroßen Greyhoundtyp verkörperten, der unserem modernen Whippet doch ausgesprochen ähnlich ist. Welches Fazit ist nun zu ziehen? Wir möchten das dem geneigten Leser überlassen. Fest steht, dass keine der hier vorgestellten Theorien zur Herkunft des Whippet wirklich -im Sinne naturwissenschaftlicher Vorgaben- zu beweisen ist. Aus unserer Sicht ist die These vom Whippet als Zweckschöpfung aus jüngerer Zeit allerdings zumindest ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Wer sich heute mit der Geschichte unserer Windhundrassen beschäftigt, der leistet vielleicht kein wichtigen Bei- trag zu den Problemen, die -wie die Fragen nach der Schulterhöhe, zur Auseinanderentwicklung von Show- und Rennwhippets, zum angeblichen Typverlust, im Moment das Zuchtgeschehen bestimmen. Er bereitet sich allerdings das Vergnügen, sich mit kulturellen Schätzen zu befassen, die die unendliche Geschichte der Beziehung zwischen den Menschen und den hochgeschätzten und -wie wir glauben- geliebten Windhunden dokumentieren. Neueste Untersuchungen in den USA am Genom verschiedener Hunderassen scheinen den Kritikern der Theorie von den Whippets als einer „modernen“ Mischlingsrasse nun recht zu geben. Die Forscher haben nämlich festgestellt, dass es eine sehr große genetische Nähe zwischen Whippet und Greyhound gibt. Bei massiver Terrier-Einkreuzung zwecks Herauszüchtung des Whippet müsste es deutlichere Unterschiede zwischen dem Genom dieser beiden Windhundrassen geben. zurück |
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